BÜRO DLB - IDEE-REALISATION-KOMMUNIKATION
Daniel Leutenegger, Bulliard 95, CH-1792 Cordast, Tel +41 (0)26 684 16 45 (nachmittags), www.ch-cultura.ch

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Perspektiven einer Geographie der Literatur

Perspektiven einer Geographie der Literatur

14.03.2009 Wo spielt Literatur? Diese vermeintlich simple Frage eröffnet ein erst in Ansätzen etabliertes Forschungsgebiet: die Literaturgeographie.


«Wir haben keine literarischen Atlanten – warum also nicht welche anfertigen?»

Franco Moretti

«Der Welt ihre Erzählbarkeit geben, heisst das nicht auch an eine Landkarte der Literatur zu denken, die auch den Raum der Literatur würdigt?»

Lojze Wieser

Literaturgeographische Methoden bilden die Basis für eine vollkommen neuartige, räumlich strukturierte, kartographisch unterstützte Literaturgeschichte – für einen literarischen Atlas Europas. Dieses interaktive Kartenwerk macht die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen realen und imaginären Geographien sichtbar und bildet die Räume der Fiktion in adäquater Weise ab.

An der Pilotversion des Literarischen Atlas Europas sind folgende Institutionen beteiligt: Institut für Kartographie, ETH Zürich (CH), Georg-August-Universität, Göttingen (D), Karls-Universität, Prag (CZ).
Das Projekt wird während einer Laufzeit von drei Jahren finanziert durch die GEBERT RÜF STIFTUNG, Basel.

Projektbeschreibung

Wo spielt Literatur?
Alles beginnt mit der Frage: Wo spielt Literatur? Denn jede literarische Handlung ist irgendwo lokalisiert, wobei die Skala von gänzlich imaginären bis hin zu realistisch gezeichneten, leicht lokalisierbaren Schauplätzen mit hohem Wiedererkennungswert reicht.

Die spezifische Geographie der Literatur
Ein literarischer Atlas – ein Kartenwerk der vergleichenden Literaturgeschichte – verzeichnet diese Handlungsräume von Romanen, Novellen, Erzählungen, Balladen, Dramen.
Dabei wird die spezifische Geographie der Literatur sichtbar: Wo und wann tauchen welche Landschaften und Städte auf der literarischen Landkarte Europas auf? Und wann sinken sie wieder in die Bedeutungslosigkeit ab bzw. wann hat sich ihr poetisches Potential ausgereizt? Gibt es gänzlich unliterarisierte Landstriche? Wie hoch ist die Dichte der in einem Raum angesiedelten fiktionalen Handlungen? Wie international besetzt ist dieser? Oder ist er beinahe ausschliesslich durch einheimische Autoren geprägt? Unter welchen (nicht zuletzt politisch-historischen) Bedingungen schrumpft der (Imaginations-)Raum der Literatur und unter welchen dehnt er sich aus?

Interaktive Karten
In der interaktiven Version des Atlas kann man die Geographie eines einzelnen Autors abrufen, die Geographie einer bestimmten literaturgeschichtlichen Epoche, die Geographie einer Gruppe von Schriftstellern, die literarische Geographie von Minderheiten oder diejenige einer ganzen Nation.
Man könnte fragen: Gibt es epochenspezifische Schauplätze? Gibt es die typische Sturm-und-Drang-Landschaft, die Landschaft der Romantik, gibt es Orte des Expressionismus? Einige Fragen können überhaupt zum ersten Mal gestellt werden: Gibt es Handlungen, Handlungstypen, die vorzugsweise an imaginären Orten angesiedelt werden, und andere, die sich eher für realreferente Schauplätze eignen?

Der literarische Metaraum
Was sich gesamthaft abzeichnet, ist der europäische Metaraum der Literatur, der zwar seine eigenen Dimensionen hat, nach eigenen Gesetzen funktioniert, aber dennoch korrespondiert und in wechselseitiger Abhängigkeit steht mit real existierenden Gegenden und Orten.
Dabei wird nicht allein der literarische Reichtum einzelner Regionen beleuchtet; vielmehr werden literarisierte Landschaften und Städte in ganz Europa vergleichend betrachtet – im Sinne eines literaturgeographischen Systems.

Umsetzung

Das zentrale Instrument zur Erforschung von Literaturgeographien besteht aus zwei Komponenten: aus einer Textdatenbank und auf darauf basierenden kartographischen Visualisierungen.

Textdatenbank
In der Datenbank werden literarische Werke von der Regional- bis zur Weltliteratur mit entsprechenden thematischen, temporalen und geographischen Attributen («Metadaten») versehen.

Der Ansatz ist ein quantitativer, denn pro Modellregion werden mehrere hundert Texte ausgewertet.

In einem nächsten Schritt können präzise Abfragen an die Datenbank gerichtet werden: Wo spielt der historische Roman im 19. Jahrhundert? Wann beginnen die Fiktionalisierungsprozesse einzelner Regionen? Wo befinden sich geschichtsgesättigte Zonen, die sich für historisierendes Erzählen anbieten, und wo geschichtsfreie Zonen?

Visualisierungen
Die Ergebnisse werden als Karten, Tabellen oder Diagramme angezeigt. Dabei werden keineswegs nur statische Ergebniskarten generiert. Die Abfrageparameter können jederzeit interaktiv dergestalt angepasst werden, dass neue Einsichten durch neuartige kartographische Visualisierungen gewonnen werden können. Auch ist es möglich, diachrone Entwicklungen aufzuzeigen, z. B. durch Animationen.


Kommentare, Interpretationen

Durch die Kombination von Datenbank und kartographischen Umsetzungen werden die  fiktionalen Räume sichtbar. Das neu generierte Kartenmaterial erlaubt dabei eine viel genauere, dichtere Beschreibung eines fiktionalisierten Raums und seiner Genese als bisher.
In einer letzten Phase interpretieren und kommentieren die Literaturhistoriker die kartographischen Darstellungen – und verfassen damit einzelne Musterkapitel einer räumlich strukturierten Literaturgeschichte Europas.

Forschungsgruppe

Projektleitung

Prof. Dr. Lorenz Hurni, ETH Zürich (Kartographie)

Dr. phil. Barbara Piatti, ETH Zürich (Literaturwissenschaft)


Wissenschaftliche Leitung Zürich

Prof. Dr. Lorenz Hurni, Vorsteher Institut für Kartographie, ETH Zürich


Wissenschaftliche Leitung Göttingen

Prof. Dr. Heinrich Detering, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Georg-August-Universität Göttingen


Wissenschaftliche Leitung Prag

Dr. phil. Barbara Piatti, ETH Zürich

Prof. Dr. Milan Tvrdík, Lehrstuhl für Germanische Studien, Karls-Universität Prag


Projekt-Mitarbeit, Zürich

Dr. Hansruedi Bär
Anne-Kathrin Reuschel, Doktorandin

Projekt-Mitarbeit, Göttingen

Dr. Thomas Martin Braun

Projekt-Mitarbeit, Prag

Mgr. Marie Frolíková, Doktorandin
Mgr. Eva Markvartová, Doktorandin


Wissenschaftlicher Beirat

Prof. Dr. William Cartwright, RMIT University, Melbourne AUS (Kartographie)
Prof. Dr. Franco Moretti, Stanford University, USA (Comparative Literature)
Prof. Dr. Per Øhrgaard, Universität Kopenhagen, DE (Germanistik)
Prof. Dr. Lutz Rühling, Christian-Albrecht-Universität, Kiel, D (Skandinavistik)
Prof. Dr. Ulrich Schmid, Universität Bochum, D (Slavistik)


Forschungspartner

University of Tromsø, Tromsø (NO), «Border Poetics Project»
Dr. Charles Travis, Trinity College, Dublin (IR)
Dr. Christina Ljungberg, Universität Zürich, Englisches Seminar

Kontakt:

http://www.literaturatlas.eu/

Barbara Piatti:
Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien
Ideen zu einer Geographie der Literatur
ca. 448 S., ca. 50 Abb., ca. 17 beigelegte Faltkarten
geb., Schutzumschlag
ca. € 39,- (D); € 40,10 (A); SFr 66,-
ISBN 978-3-8353-0329-4
Oktober 2008

 

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