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"Frankfurterli" von Yvonne Volken

"Frankfurterli" von Yvonne Volken

10.10.2010 Impressionen von der Buchmesse 2010


Bild: Ursula Berthold - "Skyline Frankfurt", Acryl auf Leinwand, strukturiert, Doppelkeilrahmen 105 cm x 150 cm, http://www.ursula-berthold.de/9132.html

 

Too big to fall: Frankfurt besitzt eine richtige Skyline. An sonnigen Herbsttagen, von denen es einige gab an der diesjährigen Buchmesse, ist diese Himmelslinie, die sich aus den eleganten Silhouetten der vielen Hochhäuser bildet, besonders eindrücklich. Sie vermittelt jenes urbane Flair, nach dem sich inzwischen jede zweite Schweizer Kleinstadt sehnt. Mit 257 m Gebäudehöhe liegt der Messeturm auf Platz 2 der Höhenrangliste, die angeführt wird vom Commerzbank-Tower mit 259 m Höhe. Ebenfalls in luftiger Höhe residieren die Europäische Zentralbank, die Deutsche Bank, UBS Deutschland, Landesbank Hessen etc. Too big to fall, hoffentlich.

Too big to fail: Dass Staaten Milliarden zahlen, damit Bankengebilde nicht zusammenkrachen, hat neoliberale Ideologen kleinlaut werden lassen. Statt Theorien und Bücher über die Wirkungs-Allmacht des globalen freien Marktes, ist nun der Diskurs über die alten Werte wieder lanciert, neu sozusagen unter Berücksichtigung aktuellster wissenschaftlicher Forschung und die ist nicht markttheoretischer, sondern sozio-neurologischer Art. Oder einfacher: Was geht in unserem Hirn ab, wenn wir solidarisch sind?

Ego-Experten. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Seele und einen freien Willen? In welchem Sinn können wir als rationale und moralisch verantwortlich handelnde Subjekte gelten? Was sind eigentlich gute und erstrebenswerte Bewusstseinszustände? Diese Fragen erörtert zum Beispiel der Frankfurter Professor und Neuroethiker Thomas Metzinger in seinem Buch „Der Ego-Tunnel" (Berlin Verlag). Das ominöse „Ego" (Ich, lat.) steht auch im Titel des neuen Buches von Richard David Precht: „Die Kunst kein Egoist zu sein" (Verlag Goldmann).

Der telegene Bestsellerautor und Diskursvermittler Precht stellt die Frage: Wie kommt es eigentlich, dass sich fast alle Menschen mehr oder weniger für die »Guten« halten und es trotzdem so viel Unheil in der Welt gibt? - Die Diskussion der beiden Ego-Experten Metzinger und Precht an einem der zahlreichen Foren und Talks an der Buchmesse ist sehr anregend und fördert Erstaunliches zu Tage, nämlich ein gemeinsames Plädoyer für altertümliche Begriffe wie „Anstand", „Herzenswärme", „Achtsamkeit" und „Mitgefühl". Retrolook ist angesagt. Warum eigentlich nicht?

Retrolook. „Wenns hinge besser usgseht aus vore, de luegni besser hingere", räsoniert auch die Ich-Figur im Roman von Pedro Lenz „Der Goalie bin ig" (Verlag Der gesunde Menschenversand). Die Schelmengeschichte, die sich irgendwo im Schweizer Nowhere-Mittelland abspielt, ist für den Schweizer Buchpreis nominiert, der am 14. November an der BuchBasel verliehen wird. Er habe durch die schottische Literatur zum selbstbewussten Dialektschreiben gefunden, erzählt Lenz dem Frankfurter Messepublikum und sein Vorbild sei Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, ergänzt der Autor mit spanisch-schweizerischen Wurzeln später in der Sonntagspresse.

http://www.schweizerbuchpreis.ch/

Globaler Superstar. Ohne ihren berühmten Bruder hätten es Buchautorin Auma Obama und ihre Autobiografie „Das Leben kommt immer dazwischen" (Lübbe-Verlag) wohl kaum in die Schlagzeilen der Boulevardzeitung "Bild" gebracht. Und die Buchmesse ist froh um internationalen Glamour, obwohl auch Ken Follett da war, der „best geschminkte" Mann an der Messe, wie eine Zeitung hämisch vermerkt. Aber den Autor von Weltbestsellern wie „Die Säulen der Erde" wird's kaum anfechten. Und seine Fangemeinde auch nicht. „Sturz der Titanen"(Lübbe) heisst der neue Wälzer des Briten, Teil 1 einer Trilogie über die dramatische Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

„Die Tauben fliegen auf". Am Stand des kleinen österreichischen Verlags Jung & Jung stehen nur mehr drei zerfledderte Exemplare des Romans von Melinda Nadj Abondji. Die Show-Exemplare des preisgekrönten Buches der Schweizer Autorin müssten eigentlich angekettet werden, seufzt die Pressefrau des Verlags. Während langer Wochen war der Roman der Schweizer Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2010 nämlich nicht mehr erhältlich und im Nachdruck. Der Grund: Papier-Notstand in den Druckereien vor der Buchmesse.

Kein Papier-Notstand. Genau vier Bücher des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers 2010 Mario Vargas Llosa hatte der Suhrkamp-Verlag mit nach Frankfurt gebracht, genauer vier Exemplare der Taschenbuchausgabe des Titels „Das böse Mädchen". Bis Montag nach der Buchmesse werden die Nachauflagen der acht Bestsellertitel des Autors lieferbar sein. Wie das, wo doch zur Buchmesse in den europäischen Druckereien Papier-Notstand herrscht? Ganz einfach, erklärt ein Branchenkenner. Der Suhrkamp-Verlag verfügt über eine eigene Druckerei.

Der Buchtipp. Diese Kolumne, zusammengestellt nach zufälligen Kriterien, hat eindeutig Männer-Überhang, dabei sind wir Frauen als Autorinnen, Buchpromotorinnen, Verlegerinnen, Leserinnen die eigentlichen Garantinnen für das Überleben der Gutenberg-Branche. Und auch das spannendste, zukunftsweisendste und bedrohlichste Buch der Messe stammt von einer Frau, nämlich von der jungen deutschen Dokumentarfilmerin Sarah Zierul. Der Kampf um die Tiefsee (Verlag Hoffmann & Campe) heisst es und handelt vom neuen Goldrausch in den tiefsten Tiefen der Ozeane.

Ausgelassen, mit Bedauern wurden hier: Die kreativen Expansionsmöglichkeiten des E-Books, die wunderschöne Ausstellung des Gastlandes Argentinien, ein Blick auf das Gastland der Buchmesse 2011, Island, wo es mehr Krimiautoren gibt als Verbrechen, der Talk mit dem Luzerner Autor Rolf Dobelli auf dem berühmten blauen Sofa des ZDF, der Besuch bei der quirligen Elke Heidenreich u.v.a.m. Sorry. 

Kontakt:

yvonne.volken(at)bluewin.ch

Auf dieser Webseite bereits erschienen:

https://www.ch-cultura.ch/de/archiv/druck-verlag-printprodukte/frankfurterli-von-yvonne-volken

https://www.ch-cultura.ch/de/archiv/moment/moment-12-leipziger-allerlei

Bild aus dem Frankfurter Skyline-Zyklus der Offenbacher Malerin Ursula Zepter, http://kulturkarree63065offenbach.wordpress.com 

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