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DER GOTTFRIED-KELLER-PREIS 2024 GEHT AN DIE SCHRIFTSTELLERIN FLEUR JAEGGY

DER GOTTFRIED-KELLER-PREIS 2024 GEHT AN DIE SCHRIFTSTELLERIN FLEUR JAEGGY

05.07.2024 Die Martin-Bodmer-Stiftung würdigt mit dem 42. Gottfried-Keller-Preis die italienischsprachige, in Zürich geborene und heute in Mailand lebende Schriftstellerin Fleur Jaeggy für "ihr zeitloses und gerade deshalb hochaktuelles Werk". Der Gottfried-Keller-Preis ist mit 30'000 Franken dotiert. Ehrengaben gehen an Matteo Terzaghi und die Associazione Idra; sie sind mit je 10'000 Franken dotiert. Die Preisverleihung findet im Oktober 2024 in Zürich statt.


Bild: Fleur Jaeggy als junge Frau - Foto: © Privatarchiv

Die in Zürich geborene und in der Schweiz aufgewachsene Autorin Fleur Jaeggy erhält für ihr literarisches Werk den 42. Gottfried-Keller-Preis 2024. In ihren auf Italienisch verfassten Romanen, Erzählungen und Essays verbindet sie den heimatlichen Echoraum mit der europäischen Erzähltradition. Dabei gelingt es ihrem Werk, gerade auch den zeitgenössischen Geist und die aktuelle Sensibilität zu treffen. Junge AutorInnen wie der Graphic Novelist Nathan Geldug oder Sheila Heti knüpfen mit ihrer Faszination für das schmale, aber tiefe Werk an die prophetische Einschätzung von Ingeborg Bachmann an, die der Autorin mit Blick auf ihren Erstling "Il dito in bocca" (1968) eine "diabolische Intelligenz" und "entwaffnende Einfachheit" attestierte.

Dank der neuen Werkausgabe bei Suhrkamp wird Fleur Jaeggys Werk endlich auch im deutschsprachigen Raum vollständig greifbar.

In einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit ihrer helvetischen Herkunft und Schweizer Autoren wie Robert Walser schildert Fleur Jaeggy die schillernden Erfahrungen in einem Appenzeller Mädchen-Internat im Roman "Die seligen Jahre der Züchtigung" (1989), der bereits zu einem modernen Klassiker avanciert ist: "Die Lektüre dauert vier Stunden", bemerkte Joseph Brodsky, "die Erinnerung daran das ganze Leben." Eindringlich umkreist Fleur Jaeggy die erotisch aufgeladenen Beziehungen der jungen Frauen zwischen Aggression und Zärtlichkeit.

In "Proletarka" (2001/2014) weitet die Autorin die ebenfalls ambivalente Beziehung einer Tochter zu ihrem Vater vor dem Hintergrund der Zürcher Zünfte bei einer Kreuzfahrt in den Mittelmeer-Raum mit seinen Mythen. Im Reich der griechischen Inseln wird das Verdrängte in der Vater-Tochter-Beziehung gerade in der Sprachlosigkeit bürgerlicher Verschwiegenheit eindringlich fühlbar. Eine Leerstelle der Liebe, um die die Worte kalt und klar kreisen. Dabei ist es kein Zufall, dass das Wort "Narbe" im italienischen Texten auf Deutsch erscheint und die kindliche Verletzung benennt. Denn immer wieder durchziehen Lehn- und Leitworte aus dem Französischen und Deutschen Jaeggys italienische Texte und vernetzen sie mit ihrer kosmopolitischen Kultur und den unterschiedlichen Sprachtraditionen der Weltliteratur.

Motivisch verbunden sind diese Romane mit Fleur Jaeggys Erzählungen und ihrer Kurzprosa, darunter der zeitlosen Sammlung "Ich bin der Bruder von XX" (2014). Auch hier verdichten sich im Erzählraum zwischen Autobiografie und Fiktion immer wieder existenzielle Nöte und Sehnsüchte auf dem Hintergrund einer puritanischen Herkunft. Die familiären Beziehungen von Bruder, Schwester, Eltern, Kind werden wie beim Blick durch ein Kaleidoskop in allen erdenklichen Spielarten erkundet, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Ödipus und Antigone.

In ihrem gesamten Werk gelingt es der Autorin, die existenzielle Zerrissenheit, die Ambivalenz der Liebe und die Ekstasen des Wahns in die kristalline Klarheit einer Sprache zu fassen, deren tiefe Klangfülle dem mystischen Schweigen entsteigt und mit einem untrüglichen Gefühl für Rhythmus verschmilzt.

Matteo Terzaghi und die Associazione Idra erhalten Ehrengaben der Martin-Bodmer-Stiftung

Der Schriftsteller Matteo Terzaghi und die Associazione Idra erhalten Ehrengaben der Martin-Bodmer-Stiftung. In kurzer Zeit ist es der Associazione Idra gelungen, die Bedürfnisse und Visionen zahlreicher unabhängiger Kulturschaffenden in der italienischen Schweiz zu kanalisieren und zu katalysieren.

Der Gottfried-Keller-Preis ist einer der renommiertesten und ältesten Literaturpreise der Schweiz. Seit 1919 wird der Preis alle zwei bis drei Jahre von der Martin-Bodmer-Stiftung verliehen. Zu den PreisträgerInnen gehören C.F. Ramuz (1927), Hermann Hesse (1936), Meinrad Inglin (1965), Elias Canetti (1977), Erika Burkart (1992), Agota Kristof (2001), Noëlle Revaz (2022). Die italienischsprachigen Preisträger sind Ignazio Silone (1973), Giovanni Orelli (1997), Fabio Pusterla (2007) und Pietro De Marchi (2016).

Neben dem Hauptpreis vergibt die Stiftung Ehrengaben für literarische Projekte verschiedener Art – Übersetzungen, Veröffentlichungen, wissenschaftliche oder künstlerische Arbeiten –, die sich durch ihre Qualität, Innovation oder Relevanz für die Verbreitung des Werks von Keller auszeichnen. Die Gewinnenden des Sonderpreises für italienische Sprache sind Piero Bianconi (1975), Giorgio Orelli (1985), Anna Felder (1989) und Donata Berra (2001). Eine Ehrengabe wurde 1937 auch an Robert Walser verliehen.

Die Martin-Bodmer-Stiftung

Die Initiative zur Verleihung des Gottfried-Keller-Preises wurde von Martin Bodmer und Eduard Korrodi zum 100. Geburtstag von Gottfried Keller, dem 19. Juli 1919, ins Leben gerufen. Die Gründung der "Martin-Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis" erfolgte zwei Jahre später, am 19. Juli 1921. Die Gründer waren der 22-jährige Martin Bodmer (1899-1971); Robert Faesi (1883-1972), Literaturwissenschaftler und Schriftsteller; Eduard Korrodi  (1885-1955), Ressortchef beim Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung"; Max Rychner (1897- 1965), Essayist und Literaturkritiker.

Dem Stiftungsrat gehören heute Thomas Bodmer (Präsident), Evelyn Braun und Ursina Schneider-Bodmer an; die Jury besteht aus Ursula Amrein, Vanni Bianconi, Ivan Farron und Stefan Zweifel.

Quelle / Kontakt:

http://www.gottfried-keller-preis.ch/

Mehr:

https://www.suhrkamp.de/nachricht/fleur-jaeggy-erhaelt-den-gottfried-keller-preis-2024-b-4428

https://www.nzz.ch/feuilleton/fleur-jaeggy-und-ihre-werke-sind-noch-einmal-neu-zu-entdecken-ld.1836216

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