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Radio Förderband Bern (RFB) und der Berner Rock

Radio Förderband Bern (RFB) und der Berner Rock

15.07.2009 In seiner an dieser Stelle bereits mehrfach erwähnten und gelobten Serie „50 Jahre Berner Rock“ in der „Berner Zeitung BZ“ ging Samuel Mumenthaler am 13. Juli 2009 auch auf die 1983/84 auf Sendung gegangenen Lokalradios und auf deren Auswirkungen auf den Berner Rock ein.


Der wieder eloquent geschriebene Bericht von Samuel Mumenthaler (->http://www.bernerzeitung.ch/kultur/dossier/serie-berner-rock-1959--2009/Zueri-West-surft--uf-dr-Aarewaelle/story/29716372) hinterliess bei einigen LeserInnen (inklusive meiner Wenigkeit) halt doch den Beigeschmack, die damalige Bedeutung von Radio Förderband für den Berner Rock und die Berner Szene allgemein sei zu wenig gewürdigt worden. Dies veranlasst mich, hier für alle Interessierten in freundlicher Absprache mit Sam jene Informationen zu publizieren, die  ich Mumenthaler vor Abfassung seines Artikels zur Verfügung gestellt hatte und noch ein paar Ergänzungen dazu aus ganz persönlicher Sicht.

Bilder: Daniel Ihly, Edouard Rieben, dlb und Diverse

Radio Förderband Bern (RFB) und die Musik 1984/85

Vorgeschichte

Der Vereinszweck wurde in den Gründungs-Statuten des Vereins Förderband wie folgt umschrieben: „Der Verein bezweckt die Förderung kultureller Aktivitäten im weitesten Sinn.“ Damit war und wurde ganz bewusst sehr vieles möglich.

Ich war Gründungspräsident des im November 1981 ins Leben gerufenen Vereins Förderband Bern, später zudem Vorsitzender der Geschäftsleitung von Radio Förderband Bern (RFB). Der Verein bestand zur Gründerzeit aus Urs Schnell, Beat Hugi und mir. Wir waren alle Mitglieder der BZ-Kulturredaktion, ich deren Leiter. Unsere Motivation war – aus meiner Sicht –, all das zu fördern und zu initiieren, was wir als wichtig empfanden und selbst in unserer Funktion als Kulturredaktoren einer sehr grossen Zeitung unserer Ansicht nach „von Amtes wegen“ nicht hinreichend fördern und realisieren konnten. 

Für unsere diversen Projekte wählten wir jeweils einen Verantwortlichen; Schnell wurde von uns als Projektleiter RFB bestimmt.

Vor dem Radiostart und dann während dem Betrieb erweiterten wir den Verein sukzessive um alle besonders aktiven Radio-MacherInnen, die Mitglieder werden wollten. Damit wurden die Entscheide auch immer mehr basisdemokratisch gefällt (vgl. auch Schluss). Radio Förderband war unterdessen zum einzigen Zweck des Vereins geworden.

Die Zeit und das Programm

Wir nannten Radio Förderband „Das erste Kulturradio der Schweiz“; logischerweise erhielt damit auch die Musikvermittlung eine hoch wichtige Bedeutung: „Hitparadenmusik“ war verpönt, wir wollten keinen „Musikteppich“ verlegen, sondern unser Musikprogramm stets qualitäts- und förderungsbewusst zusammenstellen. So konnte es durchaus sein, dass vor und nach den Beaufort-Meldungen für die Segler wilder Berner Freejazz oder psychedelischer Rock aus dem Oberland erklang.

Zur Gründerzeit gab’s auf Förderband ganz bewusst keine Nachrichten, schon gar nicht stündliche. Dies, obwohl mir Polo Hofer immer wieder eingeschärft hatte: „Die beiden einzigen bedeutenden Elemente eines erfolgreichen Radios sind Nachrichten und Musik!“

Ein Radioprogramm besteht ohne Nachrichten also erst recht zu einem beträchtlichen Teil aus Musik. Da die Plattenfirmen mit uns zu Beginn äusserst knausrig umgingen und uns kaum bemusterten, schleppte ich den Grossteil meiner Vinyl-Sammlung ins Bierhübeli, damit wir von Anfang an „etwas“ zu senden hatten – leider erhielt ich viele der heute erst recht gesuchten Scheiben nie mehr zurück, die meisten andern sind durchs fleissige Abspielen auf die eine oder andere Art beschädigt.

Als damals schon langjähriger Musikjournalist/-redaktor, Veranstalter von Festivals, Tourneen, Konzerten, war es wohl unbestritten, dass ich bei der Musik auf RFB eine zentrale Rolle spielte.

Ich wurde bald verstärkt durch den Journalisten und aktiven Musiker (Jazz- und Zigeuner-Swing-Geiger) Urs Wäckerli, etwas später kamen Experten wie Res Hassenstein, Bänz Friedli und Jüre Hofer usw. dazu, die das Musikprogramm auf ihre Weise mit-prägten. Zudem: auch andere hatten von zuhause ihre Plattensammlungen mitgebracht; gespielt wurde, was uns gefiel – wobei es dann durchaus geschehen konnte, dass die „Laien“ von den „Musiksachverständigen“ nachträglich eins aufs Dach erhielten, wenn sich das Gespielte für die Letzteren als zu „gängig“, „anbiedernd“ oder gar „unerträglich“ anhörte (wer diesen „Kampf“ mit im wahrsten Sinn „gehörigem“ Vorsprung gewonnen hat, wissen wir unterdessen ja bestens ...).

Natürlich war es nicht zufällig, dass wir als ersten Standort das schon damals konzertmässig renommierte Bierhübeli wählten und uns im 1. Stock in einer Dreizimmerwohnung mit (Studio-)Küche einnisteten. Ein totaler Glücksfall für das Kulturradio: ein etabliertes Konzert-/Veranstaltungslokal und ein währschaftes, wahrhaft festerprobtes Restaurant in unmittelbarster Nähe!!! Wir installierten fixe Leitungen zwischen Saal und Studio (Daniel Ihly und Daniel Füeg sei Dank) und konnten so viele eigene und von andern organisierte Konzerte direkt übertragen (und z.T. auch dem grossen Bruder DRS 3 liefern). Der Hübeli-Wirt Wernu Rebmann war uns ein charaktervoller, manchmal strenger und doch letztendlich immer versöhnlich herzlicher Meister und Partner.

Radio Förderband startete seinen Betrieb „5 vor 1984“ (5 vor zwölf / vor Orwell-Jahr 1984)  mit einem gewaltigen mehrstündigen kulturellen „Live“-Programm im und via Radio aus dem Bierhübeli.

Gemäss Vereinsprotokoll war ich für die „Festregie“ verantwortlich. Höhepunkt war wohl die Berner Silvesterfuehr-Session mit vermutlich wirklich allen dazumal bekannten Berner RockmusikerInnen. Ich hatte sie im Nachgang zur unvergesslichen Berner-All-Stars-Überraschungssession am Gurtenfestival 1983 schon im Herbst 83 (fast) alle in einem Übungslokal in Bern Ost zusammengetrommelt. Es war eine riesengrosse Freude, wie dann wirklich alle mitmachten. Polo sang erstmals die RFB-Hymne „Radiooo Förderband“, und Gerüchte sagen, dass er an diesem Abend auch seine neue, danach langjährige Band gefunden hat.

Die musikalische „Bänd-Breite“ war in Bern zu dieser Zeit enorm: es gab wirklich alles von Folk, Troubadours, Chansonniers und Liedermachern über Jazz und Blues traditioneller bis modernster Art und neue Formen von Volksmusik und Klassik bis zu sämtlichen Ausprägungen von Pop und Rock: da ertönten neben dem Mundartrock international ausgerichteter Mainstream, Psychedelisches und Progressive Rock, Jazz-Rock, Funk, Punk, Techno und Rap und Reggae und Ska, Neue Wellen, Anfänge von World Music usw. usf.

Spannend war die Zeit auch, weil sich ein nicht immer konfliktfreier Generationenwechsel zwischen „Grossvater Polo + Co“ (schon damals so genannt...) und neuen Gruppen/Künstlern wie Züri West, Stefan Eicher, Extrem Normal, Büne Huber, Ugly Bluz usw. abzeichnete, resp. vollstreckte.

Polos Pflastersteinaktion zum „Heisse Summer“ (der entsprechende Chemp dient mir längst als Bücherstütze) wirkte immer noch nach, er hatte nicht gerade zur Beruhigung der oft recht aufgeheizten Stimmung beigetragen; ich versuchte in x Sendungen zwischen diesen Generationen „live“ zu vermitteln, oft mit erinnerungswürdigem hörbarem Erfolg.

Etliche von uns hatten lange noch die von Politik und Medien so genannten „Berner Jugendunruhen“ in Hirn und Knochen, die Aufrufe von Max Rüdlinger im Kopf, die Klänge z.B. von David Gattiker (und später Cadutta Massi) im Ohr. „Flachgleit“ von Züri West lief auf Förderband oft mehrmals täglich – der Song verkörperte perfekt die anhaltende Wut, „Das lassen wir uns nicht mehr gefallen“-Gefühle und nicht zuletzt eine bittersüsse Resignation. Zudem bestand immer noch Aufruhr seitens aller improvisierter Musik, und der Kampf für erschwingliche Übungslokale und freie Strassenkultur war nicht gewonnen: Mehr als genug Stoff und Zoff für ein Kulturradio - auch ohne stur strukturierte Nachrichten.

Angesichts des geradezu überbordenden Angebots konnte ich in meiner wöchentlichen Sendung „Bärner Szene“ (montags ab 22 Uhr mit Open End) stets aus dem Vollen schöpfen und dabei viele heute wohlbekannte Namen erstmals am Radio vorstellen. Unzählige Demo-Kassetten, Aufnahmen von Sendungen, Briefe und andere Texte zeugen in meinem Archiv von dieser spannenden Zeit.

In den Magazinen „Entrée“, „Siesta“ und „Foyer“ hatten wir oft mehrmals täglich MusikerInnen aus Bern und aller Welt zu Gast, die meist auch „live“ eine Kostprobe durch den Aether schickten. 

Als Kulturradio wollte Förderband das ganze Spektrum des musikalischen Schaffens zu Gehör bringen und kommentieren: so gab es sowohl die Klassik-Sendung „Ma non troppo“ mit Rolf Pfluger als auch die volksmusikalische „Sunntigsstubete“ und die „Nostalgiestubete“ mit Christoph Kuhn und Bernhard Künzler, Fritz Marti, Kurt Ulrich und Kurt Schmid.

Im Zentrum stand aber doch die aktuell entstehende Musik dieser Zeit z.B. mit den Specials „Tropenfieber“ (Res Hassenstein), „On the rocks“ (Jüre Hofer), „Fribis Wiener Schnippsel“ (Martin Freiburghaus), „Capitan Uncino“ (Bänz Friedli), „Collage“ (Philippe Nicolet), „Francophone“ (Guy Magey), „KIMUS“ (Kurt Hilfiker / Kurt Nussbaum), „CH-Musik“ (Urs Hostettler), „Folk + Lieder“ (Martin Hauzenberger), „Jazz-Notes“(Jacqueline Biffiger / Christian Röthlisberger), Blues mit Christoph Müller, der gspürig wegweisende Special von Andi Hofmann, „Trouvaille“ (Die rare Schallplatte), „Tonkonsärve toufrüsch“(Plattenneuheiten) usw. usf. Es gab bestimmt für jedes damals auch erst halbwegs bekannte musikalische Genre einen Special, wenn nicht gar eine nachtfüllende Open-end-Sendung mit rarem Sound und kompetenten Gästen.

Nicht zu unterschätzen ist die musikalische Wirkung der Förderband-Fremdsprachen-Specials in italienischer, französischer, spanischer, serbokroatischer, türkischer, griechischer, englischer etc. Sprache, für die ich zu Beginn mehrheitlich zuständig war: Die ehrenamtlichen RedaktorInnen machten uns nicht nur mit ihrer Folklore und ihren Evergreens, sondern auch mit aktuellsten (Rock-)-Trends ihrer Heimat bekannt. Ich persönlich habe davon für meine Musik-Kenntnisse und entsprechende Vermittlungen von KünstlerInnen enorm viel profitiert.

Mein alterndes Hirn erinnert sich immer noch dankbar an Yno Miraglia, Saro Marretta, Angelo Petraccaro, José Jimenez, Sloboda Nejidlovic-Lehmann, Onur Saydam usw.

Schliesslich: Spätnachts, open end, oft bis beim Morgengrauen begeistert mitleidsvolle Zuhörerinnen frische Gipfeli und ein schönes Lächeln ins Studio brachten, gab’s eine Reihe unvergesslicher Sendungen mit Gesprächen zur Musik und vielen tönenden Kostproben dazu. Zu erwähnen sind z.B. Polo Hofers „Desperadio“ (später „Polorama“), Dänu Extrems „Vollmondmusig“,  „Stupid Stupid“ mit Hotcha, die „Blues- & Soul-Party“ mit Bernhard Wenger, „Dauerwellen“ (Oldies bis spät ...), die Sendung „Catch the beat“, die neusten musikalischen Trends aus den hippsten Metropolen der Welt mit Oliver Distel und seinen Kumpels ... usw. usf.

Heute würde ich sagen: Radio Förderband war in den ersten anderthalb Jahren DAS Literaturradio, DAS Kunstradio, DAS Theaterradio, DAS Kochradio, DAS Umweltradio, DAS Gesprächsradio etc. etc.

... aber eben auch DAS Rockradio aus und für Bern und Umgebung.

Förderband war ein eigentliches Rock-Biotop.

Im Namen Förderband steckt die Aufgabe drin, die sich der Verein ursprünglich selber gestellt hat: Wir drei Gründer wollten mit und auf unserem Band fördern –> neue / verkannte Talente, Töne, Texte, Bilder, Ideen uws., das Verständnis dafür und die Verbreitung dessen, was uns ganz persönlich interessant, wichtig, eben förderungswürdig erschien. Und dazu gehörte ganz selbstverständlich und massgeblich immer auch die Berner Rock-Szene.

Schluss

Im September 1985 bin ich nach einem folgenschweren basisdemokratischen Entscheid des Vereins Förderband als dessen Präsident und als Mitglied der Geschäftsleitung von Radio Förderband zurückgetreten -> vgl. PDF BZ-Artikel von Max Jäggi weiter unten.

Die heute noch im Kulturjournalismus tätigen Beat Hugi (Förderband-Mitbegründer) und Luzia Stettler (das vierte Mitglied der Gründungsphase) – die beiden zeichneten u.a. für die legendäre samstägliche Open-end-Sendung „Fabularasa“ verantwortlich – sowie weitere Mitglieder der ersten Stunden verliessen per sofort Verein und Radio.

Wir realisierten nur noch jene Projekte und Programmteile, die wir zuvor schon versprochen hatten.

Soviel (und doch zu wenig) zur Musik in der Gründerzeit von Radio Förderband Bern. Noch länger würde eine Zusammenfassung aller andern Spezialitäten, die Radio Förderband Bern offenbar noch immer in vielen Ohren nachklingen lassen.

Daniel Leutenegger / 28.6.09

PDF -> Max Jäggi: "Ende der 'Förderband'-Idee besiegelt", "Berner Zeitung BZ", 12. September 1985

Links zu weiteren Förderband-Beiträgen auf dieser Website:

https://www.ch-cultura.ch/de/publikationen

https://www.ch-cultura.ch/de/veranstaltungen

https://www.ch-cultura.ch/de/oton


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