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"GRETLERS PANOPTIKUM ZUR SOZIALGESCHICHTE" IM SCHWEIZERISCHEN SOZIALARCHIV IN ZÜRICH

"GRETLERS PANOPTIKUM ZUR SOZIALGESCHICHTE" IM SCHWEIZERISCHEN SOZIALARCHIV IN ZÜRICH

11.06.2024 "Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte" war ein Foto- und Bildarchiv zur Arbeiterbewegung, zur Sozial- und Alltagsgeschichte und zur Geschichte der sozialen Bewegungen. Roland Gretler (1937-2018) hatte das "Panoptikum" 1975 ins Leben gerufen – damals noch unter der Bezeichnung "Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung". Er trug zusammen mit seiner Frau Anne Gretler im Lauf der Jahrzehnte eine enorme Menge an Fotos, Plakaten, Postkarten, Broschüren, Objekten, Zeitschriften und Büchern zusammen. Nach Gretlers Tod übernahm das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich grosse Teile des "Panoptikums"; deren Bearbeitung ist nun mehrheitlich abgeschlossen.


Bild: Roland Gretler, hier am 1.-Mai-Umzug 1980, blieb zeitlebens auch Aktivist - Foto: Gertrud Vogler/SozArch F 5107-Na-07-030-006

Aufnahme aus dem Album «Bilder aus der revolutionären Zürcher Arbeiter-Bewegung» (Foto: Arbeiterfotografenbund Zürich/SozArch F 5068-Fx-044-018)

Bild: Aufnahme aus dem Album «Bilder aus der revolutionären Zürcher Arbeiter-Bewegung» (Foto: Arbeiterfotografenbund Zürich/SozArch F 5068-Fx-044-018)

Roland Gretler wuchs in St.Gallen auf. Nach der obligatorischen Schule begann er eine Lehre als Fotograf bei Hans Meiner, der in Zürich das Atelier seines renommierten Vaters Johannes Meiner weiterführte. Unterschiedliche Vorstellungen über den Inhalt einer Berufslehre führten dazu, dass Gretler den Lehrmeister wechselte und seine Ausbildung beim erfolgreichen Werbefotografen René Groebli abschloss. Auch neben seiner späteren Sammeltätigkeit arbeitete Gretler noch lange Zeit als Auftragsfotograf in der Werbebranche und als Industrie- und Produktefotograf weiter und sicherte sich so ein Basiseinkommen, denn der Verkauf der im eigenen Labor angefertigten Reproduktionen aus seinem Bildarchiv war ein wenig lukratives Geschäft.

1964 wagte Gretler einen politisch radikalen Schritt und gründete zusammen mit anderen die «Junge Sektion» der Partei der Arbeit. 1969 zerstritt er sich mit der PdA und trat in den VPOD ein. 1971 wurde er Präsident der neu gegründeten Gewerkschaft «Kultur, Erziehung und Wissenschaft» (GKEW). Als visuell orientiertem Menschen müssen Gretler die zeitgenössischen Bleiwüsten in Presse- und Printerzeugnissen ein Dorn im Auge gewesen, das Bild als Kampfmittel für die Umgestaltung der Gesellschaft schien in Vergessenheit geraten zu sein. Abhilfe konnte da nur das eigene Engagement leisten: Schon 1968 hatte er zusammen mit Lilo und Peter König das legendäre «1. Flugblatt der antiautoritären Menschen» gestaltet. Als Fotograf war er oft unterwegs an den Anlässen der Arbeiterbewegung oder für Reportagen, ab den 1970er-Jahren oft in Begleitung von Niklaus Meienberg. Das Bild der Gegenwart liess sich also ein Stück weit selber mitgestalten.

Jimi Hendrix ruft 1968 zur Rebellion gegen die Spiesserklasse auf (Flugblatt: Roland Gretler, Lilo König, Peter König/SozArch F 5068-Pc-178)

Bild: Jimi Hendrix ruft 1968 zur Rebellion gegen die Spiesserklasse auf (Flugblatt: Roland Gretler, Lilo König, Peter König/SozArch F 5068-Pc-178)

Was aber war mit dem Bild der Vergangenheit? Wie sah es in einer Arbeiterwohnung oder einer Fabrikhalle um 1900 aus? Wer hatte die spärliche Freizeit oder die politischen Kämpfe der Arbeiterbewegung in der Zwischenkriegszeit fotografiert? – Antworten in Form von Bildern gab es auf diese Fragen kaum, eigentliche Bildarchive existierten noch nicht. Die Bildagenturen kümmerten sich fast ausschliesslich um die Fotografie der Gegenwart, die Stiftung für Fotografie war noch nicht geboren und das Sozialarchiv hatte offensichtlich andere Prioritäten. Um das visuelle Vergessen zu verhindern und das bildhafte Erbe der Arbeiterbewegung zu bewahren, gründete Gretler deshalb 1975 das «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung». «Suchen Sie Fotos und Bilddokumente? Oder haben Sie welche? Das Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung sammelt, reproduziert und bewahrt sämtliche Bilder auf, welche die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung und ihre Emanzipation zum Thema haben», so Gretler in einem Informationsblatt zum neuen Archiv.

Gretler betreute seine Sammlung zuerst im Zürcher Seefeld, 1993 erfolgte der Umzug ins Schulhaus Kanzlei im Zürcher Kreis 4. Aus dem Bildarchiv wurde «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» und aus der anfänglich sprichwörtlichen Schuhschachtel voller Fotos wurde allmählich eine Sammlung, die fast die ganze oberste Etage des Schulhauses belegte. Aufgrund seines ausgeprägten Spürsinns und der stetig wachsenden Bekanntheit des «Panoptikums» konnte Gretler auch ganze Fotografennachlässe (z.B. von Adolf Felix Vogel oder Sacha Manoli) vor der Vernichtung retten. Und nur dank seiner Mitgliedschaft beim Arbeiterfotografenbund Zürich fanden Hunderte von Fotos aus der Gründerzeit der Vereinigung in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren ihren Weg ins «Panoptikum», wo nicht zuletzt Gretlers Frau Anne – neben ihrem 50%-Pensum als Bibliothekarin – dafür sorgte, dass alles akkurat abgelegt wurde.

Mit der stetigen Zunahme an Material erweiterten sich auch Gretlers Interessensschwerpunkte. Nebst der Arbeiterbewegung sammelte er auch andere soziale Bewegungen, insbesondere die 68er-, die Frauen-, die Friedens- oder die Antirassismus-Bewegungen; nebst Fotos trug er auch Flugblätter, Fahnen, Transparente und Objekte zusammen – bis hin zu Kriegsspielzeug und leeren Zigarettenschachteln.

Mit dem «Panoptikum» wollte Gretler die Zeugnisse der sozialen und politischen Kämpfe in der Schweiz (und teilweise auch darüber hinaus) erhalten und bewahren, es war aber auch seine erklärte Absicht, diese der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schon 1988 hatte er in einem Merkblatt für Benutzende seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, «dass es bald möglich sein wird, dem Bildarchiv die Rechtsform einer Stiftung zu geben oder es auf andere Weise in eine von der Öffentlichkeit getragene Institution umzuwandeln». Trotz vereinzelter Anstrengungen wurden diese Pläne zu Gretlers Lebzeiten nicht in die Realität umgesetzt. Nach seinem Tod meldete die Stadt Zürich jedoch ihren Anspruch auf den obersten Stock im Kanzleischulhaus an und es musste plötzlich alles sehr schnell gehen. Das Sozialarchiv, welches schon seit Jahren in Kontakt mit Gretler gestanden und Interesse am  «Panoptikum» gezeigt hatte, konnte Gretlers Lebenswerk übernehmen.

Das Sozialarchiv übernahm Gretlers Sammlung nahezu integral – ausser bei den Büchern und Zeitschriften, wo die Überschneidungen mit den eigenen Beständen zu gross waren. Im Frühling 2019 wurde das «Panoptikum» während mehrerer Wochen inventarisiert, um eine Berechnungsgrundlage für den Umfang der kommenden Arbeiten zu schaffen, im Frühsommer fuhren die Zügelwagen vor. Parallel dazu wurden umfangreiche Drittmittel für die Finanzierung der Erschliessungsarbeiten eingeworben. Zwischen 2020 und 2024 wurde dann der Kernbestand bewertet, digitalisiert und erschlossen. Zwangsläufig musste das «Panoptikum» dabei in die Logik eines Archivs überführt werden, wobei der Grundsatz der Provenienz berücksichtigt wurde. Eigentliche Archivbestände in den thematischen Dossiers von Gretler wurden in die Abteilung Archiv, Flugblätter, Pamphlete und Broschüren hingegen in die thematischen Dossiers der Sachdokumentation integriert. Unterschiedliche Materialien werden aus konservatorischen Gründen getrennt aufbewahrt.

Archivalien aus dem Panoptikum: www.findmittel.ch/archive/archNeu/Ar685

Fotos, Drucke, Postkarten, Plakate und Objekte: www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5068

Filme (s. auch SozialarchivInfo 3/2023): www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9093

Der Tonbestand aus dem Panoptikum ist zurzeit noch in Bearbeitung.

Die (Teil-)Nachlässe von Fotograf:innen sind noch unbearbeitet.

Quelle / Kontakt:

https://www.sozialarchiv.ch/2024/06/02/gretlers-panoptikum-zur-sozialgeschichte-im-sozialarchiv/

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Ein Henkelmann aus der Objektsammlung des «Panoptikums» (SozArch F 5068-Oa-1088). Henkelmann ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen heute eher ungebräuchlichen Behälter aus Blech (teilweise emailliert), in dem Arbeiter früher ihr zu Hause zubereitetes Essen verpackten, um es zum Arbeitsplatz zu transportieren und ohne Umfüllen im Wasserbad oder unter Einwirkung von Wasserdampf aufwärmen zu können (de.wikipedia.org/wiki/Henkelmann).

Bild: Ein Henkelmann aus der Objektsammlung des «Panoptikums» (SozArch F 5068-Oa-1088). Henkelmann ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen heute eher ungebräuchlichen Behälter aus Blech (teilweise emailliert), in dem Arbeiter früher ihr zu Hause zubereitetes Essen verpackten, um es zum Arbeitsplatz zu transportieren und ohne Umfüllen im Wasserbad oder unter Einwirkung von Wasserdampf aufwärmen zu können (de.wikipedia.org/wiki/Henkelmann).

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