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Tabula rasa im Schlachthaus

Tabula rasa im Schlachthaus

26.03.2012 Ausstellung "Bernhard Luginbühl: Tabula rasa" bis am 08. Dezember 2012 im Alten Schlachthaus Burgdorf, jeden Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Führungen für Gruppen nach Vereinbarung. Die gestern Sonntag eröffnete Ausstellung stellt selten oder nie gezeigte Holzschnitte, Zeichnungen und Auszüge aus Tagebüchern vor, mit einem Schwerpunkt auf frühen Arbeiten.


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Bild oben: Portrait Hans Luginbühl, Saint-Triphon, gemeisselt 1948  

Fotos: © http://www.luginbuehlstiftung.ch/museum/

Während seine Frau Ursi im Supermarkt einkaufte, vertrieb sich Bernhard Luginbühl die Zeit im Fotoautomaten, wo er mit Masken, Mützen und Gesten ironische Selbstporträts aufnahm. Einige Reihen davon sind nun auf dem Plakat der neuen Ausstellung "Tabula rasa" im Alten Schlachthaus Burgdorf zu sehen, kleine Dokumente seines Witzes und Einfallsreichtums.

Dass sich die Ausstellung ein gutes Jahr nach dem Tod des Künstlers ganz auf ihn konzentriert, ist einleuchtend. Seine Familie hat dafür aus dem grossen Nachlass frühe Grafik, Zeichnungen aus verschiedenen Zeiten und Schriftblätter aus Tagebüchern ausgewählt.

Zeitlich beginnt der Rundgang 1951/52 mit den flächigen Holzschnitten zum Motiv des Stiers, die seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen waren. Kraftvoll dehnen sich die dunklen Flächen mit den feinen weissen Linien auf dem Blatt aus und scheinen dessen Grenzen zu sprengen, Bild gewordene Energie des Tiers. Es hat Luginbühl immer wieder beschäftigt, zahlreiche spätere Zeichnungen, die das Motiv zwischen den Polen Abbild und Abstraktion variieren, sind im Hauptraum zu sehen.

Ein anderes massives Tier, das in diesem Werk ebenfalls eine grosse Rolle spielt, ist der Elefant. Noch nie ausgestellte Zeichnungen aus den frühen sechziger Jahren, teils Studien für Skulpturen, teils freie Arbeiten, umkreisen in immer neuen formalen Varianten das Motiv, bald flächig, bald linear. Dabei fällt neben der Vielfalt auf, mit welcher Energie Luginbühl am Werk war: an manchen Tagen entstanden vier und mehr dieser grossformatigen Zeichnungen. Frühe Figuren aus verschiedenem Material ergänzen diese Arbeiten.

Reizvoll in ihrer Unbekümmertheit sind die Überzeichnungen von Zeitungen, die Collagen und die Minutenzeichnungen, wo er angibt, wie lange er daran gearbeitet hatte: von fünf bis 26 Minuten reicht der Spielraum. Sie vermitteln überraschende Einblicke in seine Arbeitsweise und in seine unverwechselbare Vorstellungs- und Bildwelt.

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Eine wesentliche Werkgruppe in der Ausstellung bilden die Schriftblätter. Luginbühls Tagebücher kennt man, sie wurden zum Teil schon ausgestellt und publiziert. Eine Entdeckung sind die Monats- und die Jahresblätter, die er parallel dazu schrieb. Wie ihr Name sagt, hielt er hier Ereignisse eines Monats oder eines Jahres auf einem einzigen grossen Blatt fest, zum Teil bereichert durch Zeichnungen. Da ist die Rede von Privatem und Künstlerischem, von der Arbeit und vom Essen, von Besuchen und Transporten, von Technik und Natur und dies alles mit einer unbändigen sprachschöpferischen Kraft und mitunter mit treffendem Humor und Witz.

Diese Texte sind als Sprachkunstwerke noch zu entdecken. Wie bedeutungsvoll sie für ihn waren, zeigt ein Eintrag. Er sei nach dem Besuch der Tinguely-Ausstellung in Venedig nicht mit den anderen essen gegangen, schreibt er, sondern ins Hotel zurückgekehrt. Es wurde "ein eintragsreicher tag oder sagen wir mal durch dieses gekritzel bekam der sonntag seinen sinn".

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"Tabula rasa", der Titel der Ausstellung, hat mehrfache Bedeutungen. Bernhard Luginbühl brauchte die Wendung, wenn er etwas Neues anfangen wollte, sie steht also für seine Energie und für seine Einfälle. Tabula rasa bedeutete aber ursprünglich auch die leere Schrifttafel, und dann denkt man an die Abertausend weissen Blätter, auf die er mit einer fast nicht vorstellbaren Schaffenskraft zeichnete und schrieb.

Und schliesslich klingt ein Hinweis auf seinen Tisch an, auf dem viele dieser Arbeiten entstanden sind. Der ist nun allerdings nicht leer, sondern mit all den Gegenständen darauf Ausdruck seiner Lebendigkeit, wie eine Fotografie und eine Installation in der Ausstellung zeigen.

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Brutus, Basil, Jwan und Ursi Luginbühl haben im 1. Stock des Alten Schlachthauses bewusst keine museale Präsentation gewählt. Vielmehr bedecken sie die Wände fast vollständig mit den Arbeiten, und so machen sie die Fülle seines Schaffens auf überzeugende Art unmittelbar anschaulich und erlebbar.

Text von Hans Baumann

Kontakt:

http://www.luginbuehlstiftung.ch/museum/

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