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"FRIEDRICH DÜRRENMATT. MONDES ANIMAUX - TIERWELTEN"

"FRIEDRICH DÜRRENMATT. MONDES ANIMAUX - TIERWELTEN"

31.05.2024 Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN), mit Werken von Friedrich Dürrenmatt, Udo Rondinone und Christine Sefolosha, vom 1. Juni bis am 29. September 2024 - Vernissage am Samstag, 1. Juni 2024, 17 Uhr, Eintritt frei


Bild oben: Friedrich Dürrenmatt, Herkules im Kopfstand, Mammut tragend, ohne Datum, Filzstift auf Papier © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft

"Die Tiere haben etwas Unbedingtes, ich staune immer wieder über das Tier als eine andere Form des Bewusstseins, das, weil es den Tod nicht kennt, in einer Art Unendlichkeit lebt. […]

Die Zeit ist unser Feind, das Tier ist mit ihr eins. Die Zeit ist für uns Geschichte, das Tier ist geschichtslos. Das wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich, im Bergtal um einen Felsen biegend, mich einem Ziegenbock gegenübersah, einem mächtigen Pan, unbeweglich stand er vor mir, ohne Drohgebärde, seine Erscheinung genügte. Es war, als hätte er seit Anbeginn der Zeit auf mich gewartet, so göttergleich wirkte er."

Friedrich Dürrenmatt (Das Stoffe-Projekt, Vol. 3, Zürich : Diogenes, 2021, S. 72–73)

Friedrich Dürrenmatt, Herkules und der Stall des Augias, 1963, Gouache auf Karton, 54.5 × 44.5 cm, Privatsammlung © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Herkules und der Stall des Augias, 1963, Gouache auf Karton, 54.5 × 44.5 cm, Privatsammlung © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft

Mit Tieren leben

Friedrich Dürrenmatt wuchs in den 1920er-Jahren in einer ländlichen Umgebung auf. Tiere waren damals ein wichtiger Bestandteil des Lebens, und auch deren Tod war keine versteckte Angelegenheit.

Die Kindheit in engem Kontakt mit Tieren war prägend: Dürrenmatt liess sich im Vallon de l’Ermitage in unmittelbarer Nähe zum Wald nieder und umgab sich mit mehreren Haustieren, mit denen er seinen Alltag teilte. Die Familie besass einen Kakadu, einen Ara, einen Nymphensittich, mindestens acht Hunde, Katzen und sogar eine Ziege.

Der Hund, der ihm am meisten am Herzen lag, hiess Sheriff – ein Zwergspaniel, den er auch auf Zeichnungen und in Gemälden verewigte. Bei Waldspaziergängen mit seinen beiden Deutschen Schäferhunden brachte er Ordnung in seine Gedanken, indem er auf Schweizerdeutsch mit ihnen sprach.

Ein weiterer treuer Weggefährte war Lulu, sein Kakadu, der ihn viele Jahre lang begleitete und der ebenfalls in seinem Bildwerk vertreten ist. Es ist offensichtlich, dass Dürrenmatts Werk bisweilen eng mit seinen Haustieren verflochten ist.

Gegensätzlichkeit

In Dürrenmatts literarischem und malerischem Werk taucht auch das Motiv der Feindschaft zwischen Mensch und Tier auf. Der Anlass dafür war eine Begebenheit aus seiner Jugend: Als Dürrenmatt in Bern lebte, führte er regelmässig einen Schäferhund spazieren. Eines Tages wurde dieser von einem Geräusch aufgeschreckt und attackierte ihn.

Blutrünstige Hunde, Vögel als Überbringer von bösen Omen oder Ratten als Symbole für den nahenden Tod bevölkern Dürrenmatts fiktive Erzählungen und Bilder. Das Tier steht für eine Andersartigkeit, die Gefahr versinnbildlicht und dem Menschen Angst macht.

Für Dürrenmatt liegt der Ursprung dieser Angst vor dem Unbekannten in den Anfängen der Menschheit, als sich die Menschen ihrer Sterblichkeit bewusst wurden und sich gegen die Tiere und gegen alles, was nicht menschlich war, stellten.

Dürrenmatt kritisierte diese feindselige Einstellung, in der der Hochmut über allem steht. Die Kritik führte er in seinen Werken mit dem Konzept der "schlimmstmöglichen Wendung" weiter, mit dem er das Publikum noch heute dazu bringt, den Sinn der menschlichen Existenz und die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt zu hinterfragen.

Animalität

Bei der Betrachtung von Tieren sah Dürrenmatt positive, vielleicht sogar beneidenswerte Eigenschaften. In der Geschichte der westlichen Philosophie wird die Animalität, also die Tiernatur, durch einen Mangel an Fähigkeiten definiert – zum Beispiel fehlende Vernunft oder Freiheit –, wobei diese Fähigkeiten indirekt der Menschheit zugeschrieben werden.

Das Tier wurde so zur Antithese des Menschen. Indem die Philosophie einen Vergleich zwischen Menschen und Tieren zog, begründete sie die Überlegenheit des Menschen und legitimierte dessen Herrschaft. Dürrenmatt kehrte dieses Schema um: Er attestierte den Tieren positive Eigenschaften, die dem Menschen fehlen.

Als Dürrenmatt einst zufällig einem Ziegenbock begegnete, empfand er ein Gefühl der Fremdheit und schilderte die Andersartigkeit. Das Tier verkörperte für ihn ein anderes und zeitloses Bewusstsein, dessen Existenz jener der ebenfalls zeitlosen Götter ähnelt. Ein weiterer Unterschied inspirierte Dürrenmatt ebenfalls: Tiere müssen ihrem Leben keinen Sinn verleihen.

Mischwesen

Dürrenmatts Werk ist von Mischwesen bevölkert, die sich an der Grenze zwischen Tier und Mensch bewegen. Erneut verdeutlichte er so die Gegenüberstellung der beiden Reiche, die oft auch als zwei Formen der Wahrnehmung gelten – eine bestialische einerseits, eine vernunftbasierte andererseits.

In der Ballade Minotaurus verkehrt Dürrenmatt den griechischen Mythos des Minotaurus –halb Mensch, halb Stier – und interpretiert ihn neu, indem er den Blickpunkt der Kreatur einnimmt und ihr ein facettenreiches Innenleben zuschreibt, während Theseus nur von aussen betrachtet wird und seinen Status als idealer Held verliert.

Diese perspektivische Verlagerung findet sich auch in den oft persönlichen Bildern wieder, in denen Dürrenmatt sich selbst und seine Angehörigen als Tiere oder Mischwesen darstellte.

Mit den hybriden Figuren verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Tier, und die Überlegenheit des Menschen wird infrage gestellt. Indem Dürrenmatt ergründet, inwiefern Tiere dem Menschen ähnlich sind und sich gleichzeitig von diesem unterscheiden, tritt er in einen Dialog mit ihrer Welt und ihrer Andersartigkeit.

Künstlerinnen und Künstler

Friedrich Dürrenmatt

Der 1921 im Emmental geborene Friedrich Dürrenmatt zog 1952 nach Neuchâtel, wo er den Grossteil seiner literarischen und bildnerischen Werke schuf. Internationale Berühmtheit erlangte dieser Schweizer mit Weltgeltung vor allem mit Theaterstücken wie Der Besuch der alten Dame (1956) oder Die Physiker (1962) und mit seinen Kriminalromanen. Weniger bekannt ist, dass er zeit seines Lebens auch malte und zeichnete. Obgleich er diese Leidenschaft eher für sich behielt, war sie für ihn von grundlegender Bedeutung: Bild und Text treten in ein komplementäres Verhältnis, und das Zusammenspiel beider Künste erlaubte ihm, seiner stark visuell geprägten Vorstellungskraft Gestalt zu verleihen.

Ugo Rondinone (*1964)

Ugo Rondinone wurde 1964 geboren und wuchs in Brunnen im Kanton Schwyz auf. Heute lebt er in New York und stellt seine Werke in der ganzen Welt aus. Er schafft eindringliche und meditative Kreationen zu den Themen Natur und Menschheit und verwendet dabei ein formales Konzept, das unterschiedliche Skulptur- und Maltraditionen vereint.

Aus seiner tiefgründigen Betrachtung der menschlichen Natur entstand eine Vielzahl zwei- und dreidimensionaler Objekte sowie Installationen, Videos und Performances.

Für die 59 Vogelskulpturen aus Bronze in der Serie Primitive formte der Künstler wie in einer täglichen Reflexion über das Leben jeden Tag von Hand eine neue Tonskulptur, die als Form für einen Bronzevogel diente. Dabei hauchte er jeder Figur einen Charakter und einen subjektiven Ausdruck ein, der potenzielle menschliche Reaktionen widerspiegelt. In einer plastischen Bildsprache, die in ihrer Schlichtheit auf die Kindheit und den Anfang verweist, lässt der Künstler die Zerbrechlichkeit und die Überlegenheit der Natur miteinander verschmelzen und konfrontiert die Betrachtenden gleichzeitig mit ihrer eigenen Beziehung zu ihr.

Christine Sefolosha (*1955)

Christine Sefolosha wurde 1955 in La Tour-de-Peilz im Kanton Waadt geboren. Sie lebt und arbeitet in Montreux und stellt ihre Werke regelmässig in der Schweiz, in Frankreich und in den USA aus. Ihre Bilder beziehen sich auf das kollektive Unbewusste, die Metamorphose und die Alchemie: Sie sind bevölkert von Mischwesen und Geistern und zeigen Landschaften, die sich mit dem Organischen und Tierischen vermischen.

Die afrikanischen Akzente in Sefoloshas Werk gehen auf ihre Zeit in Südafrika zurück, wo sie zwischen 1975 und 1983 während der Apartheid lebte. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz entwickelte Sefolosha eine Kunstpraxis, die sich zwischen Malerei, Druck und Zeichnung bewegt.

Die Ausstellung zeigt eine Serie von Gemälden mit Silhouetten, die sowohl menschliche als auch tierische Elemente aufweisen. Indem Sefolosha Erde für die Bildoberflächen verwendet, verweist sie auf eine Zeit, in der die Menschheit noch eins mit der Tierwelt war.

Drei weitere Gemälde befassen sich mit menschlich-tierischen Mischwesen und versinnbildlichen die Unfähigkeit des Menschen, zu begreifen, was seine Wahrnehmung übersteigt.

cdn

Kontakt:

https://www.cdn.ch/cdn/de/home.html

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Friedrich Dürrenmatt, Ertrunkenes Liebespaar, 1952, Gouache auf Karton, 69.7 × 49.5 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Ertrunkenes Liebespaar, 1952, Gouache auf Karton, 69.7 × 49.5 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft

 

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