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6. Juni 2022

«ELISABETH WILD»

Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv, Zürich, bis am 11. September 2022

Bild oben: Elisabeth Wild, Ohne Titel, Collage auf Papier, 31 x 25 cm – Foto: © Ed Mumford

Bild: Elisabeth Wild, Ohne Titel, 2006, Collage auf Papier, 37 x 27.5 cm - Foto: © Ed Mumford

Bild: Elisabeth Wild, Ohne Titel, 2006, Collage auf Papier, 37 x 27.5 cm – Foto: © Ed Mumford

Das Museum Haus Konstruktiv präsentiert die schweizweit bislang grösste museale Einzelausstellung zum Werk von Elisabeth Wild (1922 Wien, AT – 2020 Panajachel, GT). Gezeigt werden rund 180 kleinformatige Collagen, die die Künstlerin seit der Jahrtausendwende bis kurz vor ihrem Tod mit Versatzstücken aus Hochglanzmagazinen geschaffen hat.

Hier ein Baukörper aus Beton und darin eingelassene grafische Farbfelder in Blau- und Violetttönen, die zusammen ein interessantes Spiel von Flächigkeit und Tiefenwirkung erzeugen, dort eine um 90 Grad gedrehte Abbildung eines Sonnenuntergangs, die sich mit vornehmlich in Dunkelrot, Dunkelgrün und Schwarz gehaltenen Halbkreisen und einer schummrig-leuchtenden Kuppelform zu einer träumerisch-futuristischen Szenerie verbindet.

Diese sowie viele weitere reizvolle Kompositionen werden im vierten Stock des Museums Haus Konstruktiv präsentiert. Hier entfaltet sich aufs Eindrücklichste der Variantenreichtum, den Elisabeth Wild in ihren Papierarbeiten erlangte.

Dem Medium Collage hat sich Wild in den letzten zwei Jahrzehnten ihres langen und bewegten Lebens zugewandt. Geboren als Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters in Wien, floh sie 1938 mit ihren Eltern vor dem Nationalsozialismus nach Buenos Aires, wo sie ein Studium der Malerei aufnahm. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete Wild als Textildesignerin – eine von vielen gestalterischen (Erwerbs-) Tätigkeiten, denen sie zeitlebens nachgehen sollte.

Argentiniens rechtskonservative Politik veranlasste sie 1962, zusammen mit ihrem Ehemann August Wild, einem Schweizer Textilunternehmer, und ihrer Tochter Vivian nach Europa zurückzukehren. In Basel angekommen, baute sie ein bekanntes Antiquitätengeschäft auf, das sie bis in die späten 1990er-Jahre führte. In höherem Alter verlegte Wild ihren Lebensmittelpunkt zurück nach Lateinamerika: Sie übersiedelte ab 1996 allmählich nach Panajachel in Guatemala. Im zentralen Hochland in der Nähe des Lago de Atitlán lebte sie von 2007 bis 2020 mit ihrer Tochter Vivian Suter auf einer ehemaligen Kaffeeplantage, auf der diese bis heute als Künstlerin arbeitet.

Bild: Elisabeth Wild, Ohne Titel, 2019, Collage auf Papier, 23 x 16.5 cm - Foto: © Ed Mumford

Bild: Elisabeth Wild, Ohne Titel, 2019, Collage auf Papier, 23 x 16.5 cm – Foto: © Ed Mumford

Inmitten der üppigen Vegetation dieser Region schuf Wild am Schreibtisch in dem für sie eingerichteten Atelier beinahe täglich eine Collage. Das Material dafür entnahm sie Mode-, Kunst- und Architekturzeitschriften, und das Format richtete sich nach dem Motiv, das die Künstlerin als Hintergrundbild und Träger der jeweiligen Collage ausgewählt hatte. Mit Schere, Leim und Lupe sowie viel Gespür für Farbe, Form und Komposition kreierte Wild in knapp zwanzig Jahren enigmatische Bildwelten, die sie selbst als Fantasías bezeichnete, die einzeln aber keine Titel tragen. Oftmals symmetrisch ins Bild gesetzt, verschränkte Wild die feinen Papierschnipsel zu dichten, zwischen Realität und Illusion changierenden Kleinstwelten, in denen surreal anmutende Elemente ebenso auftauchen wie geometrische Formen, architektonische Versatzstücke und Ausschnitte von Markenemblemen oder sonstigen reizvollen Fundstücken; ein intuitiver und spielerischer Remix von oder Streifzug durch Stilmittel der Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Elisabeth Wilds künstlerisches Œuvre blieb lange Zeit unbeachtet. Grössere Aufmerksamkeit wurde ihr erst ab Mitte der 2010er-Jahre zuteil, insbesondere dank ihrer Tochter, in deren viel beachteten Einzelschauen sie jeweils einen Raum bespielte. 2017, mit ihrer Beteiligung an der documenta 14 in Kassel und Athen, konnte sie sich vollends als Künstlerin etablieren.

Im Museum Haus Konstruktiv ist nun erstmals eine umfassende Auswahl ihrer Werke in einer musealen Einzelausstellung zu sehen. Dem Spielsinn der Künstlerin Rechnung tragend, ist diese Ausstellung weder chronologisch noch thematisch geordnet, sondern frei kombiniert.

Zudem nimmt die Präsentationsweise eine Art Pendelbewegung auf, die sich in der Auseinandersetzung mit den Werken einstellt: das Oszillieren zwischen der
Besonderheit und Kostbarkeit des einzelnen Blattes und der überbordenden Fülle, die diese Werkgruppe prägt. Entsprechend stehen in allen vier Ausstellungsräumen ein oder zwei Solitäre einer Vielzahl von Arbeiten gegenüber. Je nach Raum sind diese nach unterschiedlichen Prinzipien gehängt und bieten verschiedene Lesearten an, nach denen Wilds Werke zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Auf diese Weise wird Raum gelassen, um individuelle Entdeckungen zu machen – ganz so, als würde man eine der antiken Truhen durchstöbern, in denen Wild ihre Collagen aufbewahrte.

Ergänzt werden die Collagen durch die Videoarbeit «Elisabeth’s Garden» (2020) von Raúl Itamar Lima. Sie zeigt Ausschnitte aus Super-8-Aufnahmen von Wild, die in den 1990er-Jahren in ihrem Haus im Berner Oberland entstanden, wo sie bis zu ihrer Übersiedlung nach Guatemala wohnhaft war.

mhk

Kuratorinnen: Sabine Schaschl und Eliza Lips

Kontakt:

https://www.hauskonstruktiv.ch/

#ElisabethWild #VivianSuter #MuseumHausKonstruktiv #SabineSchaschl #ElizaLips #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Elisabeth Wild, Installationsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2022. Foto: Stefan Altenburger

Bild: Elisabeth Wild, Installationsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2022 – Foto: Stefan Altenburger

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 6. Juni 2022
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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