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BERNISCHES HISTORISCHES MUSEUM: NEUER FORSCHUNGSBERICHT "SPUREN KOLONIALER PROVENIENZ"

BERNISCHES HISTORISCHES MUSEUM: NEUER FORSCHUNGSBERICHT "SPUREN KOLONIALER PROVENIENZ"

25.08.2022 Im Rahmen des Forschungsprojekts "Spuren kolonialer Provenienz. Die Erforschung ethnografischer Sammlungsprovenienzen anhand des Zeller-Archivs" hat das Bernische Historische Museum die koloniale Vergangenheit von Teilen seiner Sammlungen unter die Lupe genommen. Dabei wurde bei mehreren Hunderten ethnografischen Objekten erforscht, auf welche Weise sie erworben wurden, durch wessen Hände sie gingen und wie die Rechtmässigkeit dieser Besitzwechsel zu bewerten ist. Der neu vorliegende Schlussbericht wartet mit eindrücklichen Ergebnissen auf.


Bild: Bernisches Historisches Museum © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto Nadja Frey

Auch wenn die Schweiz nie über koloniale Herrschaftsgebiete verfügte, stammen viele der ethnografischen Sammlungen in hiesigen Museen aus kolonialen Kontexten so auch am Bernischen Historischen Museum.

Schweizerinnen und Schweizer bereisten europäische Kolonien weltweit und brachten einzelne Erinnerungsstücke oder gar umfangreiche eigene Sammlungen in die Heimat. "Indem wir die Verantwortung wahrnehmen, die Herkunfts- und Erwerbsgeschichten unserer Objekte zu erforschen, stellt sich das Museum einer der grössten Herausforderungen der gegenwärtigen Museumsarbeit. Wir verstehen diesen Effort als grosse Chance, um mehr über die Bedeutung unserer Sammlungen, die Biografien der Menschen dahinter und über die Geschichte einer kolonialen Schweiz zu erfahren", so Samuel Bachmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter des Forschungsprojekts.

Spuren kolonialer Provenienz im "Zeller-Archiv"

Das vom Bundesamt für Kultur (BAK) geförderte Forschungsprojekt "Spuren kolonialer Provenienz" untersuchte von April 2021 bis Juni 2022 Sammlungszugänge aus der Zeitspanne von 1900 bis 1940, die in kolonialen Herrschaftsgebieten erworben wurden, menschliche Überreste beinhalteten oder bei denen in anderer Form Indizien auf rechtlich und/oder ethisch bedenkliche Handwechsel vorlagen. Als Grundlage diente dem ForscherInnenteam ein reichhaltiges Dokumentenarchiv zu den Sammlungen, das vom ersten ethnografischen Sammlungskurator und späteren Vizedirektor des Bernischen Historischen Museums, Rudolf Zeller (18691940), angelegt wurde und mit Unterstützung des BAK zwischen Mai 2019 und August 2020 erschlossen wurde. Zeller leitete ab der Jahrhundertwende bis zu seinem Tod die Geschicke der ethnografischen Abteilung und unterhielt ein weit gefächertes internationales Netzwerk mit Museen, SammlerInnen und HändlerInnen. Seine Korrespondenzen und Dokumentationsmaterialien wurden nun systematisch durchleuchtet, und bei 17 vom Bernischen Historischen Museum erworbenen Sammlungen sowie 24 Einzelobjekten gab es Indizien auf Unrechtskontexte. Sie wurden im Rahmen dieses Projekts einer vertieften Provenienzforschung unterzogen. Diese brachte bisher unbekannte Informationen zu insgesamt 182 Handwechseln mit mehr als 3'000 Objekten hervor, welche in der museumseigenen Datenbank dokumentiert wurden.

Informationslücken schliessen und Transparenz schaffen

Während das Museum im Normalfall weiss, wer ihm wann und wie ein Artefakt übergeben hat, sind viele Handwechsel, die davor passierten, häufig nicht dokumentiert. Bei Objekten aus kolonialem Kontext kommt erschwerend hinzu, dass die Identitäten indigener Vorbesitzerschaft nur in Ausnahmefällen festgehalten wurden.

Wie wurde das Objekt vor Ort erworben? Wer waren die Menschen, die an diesen Handwechseln beteiligt waren? Und wie ist die "Rechtmässigkeit" der Handwechsel zu bewerten?

Es wurde versucht, konkrete historische Erwerbsmomente in kolonialen Kontexten zu rekonstruieren. Obwohl dabei auch Fragen ungeklärt blieben, gelang es dem ForscherInnenteam, eine Vielzahl an Biografien nachzuzeichnen, historische Ereignisse wie Forschungsexpeditionen oder auch gewaltbegleitete Vorkommnisse zu erschliessen und Einblicke in das Leben und die Rollen von Schweizerinnen und Schweizern in kolonisierten Gebieten zu gewinnen.

Für die untersuchten Fälle konnte ermittelt werden, dass nicht alles, was rechtmässig erworben wurde, auch unbedenklich ist. Daher wurde eine Bewertungsskala entwickelt, die einzelne Handwechsel als "unbedenklich", "rechtmässig", "bedenklich", "unrechtmässig" und "keine Bewertung möglich" taxierte. Letztere Bewertung betraf knapp die Hälfte der erforschten Handwechsel, da die Quellen in diesen Fällen unzureichend waren. Zwar als "rechtmässig", aber nicht als "unbedenklich" wurden vier Handwechsel mit 124 Objekten eingestuft. Vier Handwechsel mit 469 Objekten wurden als "bedenklich" eingeordnet, da deren Unrechtmässigkeit zwar nicht bewiesen werden kann, aber vermutet werden muss. Ein Handwechsel mit drei Objekten aus einem gewaltbegleiten Kontext musste als "unrechtmässig" bewertet werden.

Schweizer Einflussnahme auf koloniale Erwerbsmomente und Narrative

Auffällig für den "Sonderfall Schweiz" war, dass Schweizerinnen und Schweizer im Unterschied zu europäischen Grossmächten, deren koloniale Spuren meist in die eigenen Überseegebiete führen in Kolonien auf der ganzen Welt unterwegs waren. Sie waren als Missionare, Ingenieure, Forschungsreisende, Grosswildjäger oder Philanthropen meistens sind vor allem die Männer dokumentiert in den Kolonien unterwegs. Ihre Lebensgeschichten wären ohne die heimgebrachten Gegenstände heute in vielen Fällen unbekannt. Die meisten dieser Privatpersonen waren sehr gut in die kolonialen Milieus integriert und konnten dank enger Kontakte zu Kolonialbehörden in den Gebieten reisen und sammeln. Schweizerinnen und Schweizer haben in diesem Kontext beachtliche Mengen an aussereuropäischem Kulturerbe zusammengetragen. Dabei hat sich längst nicht jeder Handwechsel als unrechtmässig oder bedenklich herausstellt.

Neue PartnerInnen, neue Perspektiven, neue Projekte

Um tatsächlich mehr über die konkreten historischen Momente des Erwerbs erfahren zu können, muss die Provenienzforschung zu Kulturerbe aus kolonialen Kontexten aus dem eigenen Archiv heraustreten und weitere Archive und neue Quellen miteinbeziehen. Das gilt auch für dieses Forschungsprojekt, welches allein auf der Grundlage des museumseigenen Materials viele Fragen nicht hätte beantworten können. So hat das Projektteam sieben weitere Archive im In- und Ausland besucht sowie neue Kontakte zu ExpertInnen geknüpft. Kooperationen mit PartnerInnen in Herkunftsgebieten der Objekte erwiesen sich erwartungsgemäss als unerlässlich für den Informationsaustausch. Für das Forschungsprojekt als zentral zeigten sich in erster Linie neue Kontakte nach Namibia. Auf einer Forschungsreise im Dezember 2021 wurden professionelle Beziehungen mit Vertretungen aus Wissenschaft, Politik, Kunst und Kultur aufgebaut und vertieft. Dabei entstand über lokales Wissen nicht nur ein gewinnbringender Wechsel der Perspektive auf die Objekte und deren Herkunft und Bedeutung, sondern auch eine fruchtbare Diskussion über den zukünftigen Umgang mit dem namibischen Kulturerbe im Bernischen Historischen Museum sowie das Potenzial für weitere Partnerprojekte.

Dieser Austausch entspricht ganz der Ausrichtung des Museums, das es sich zur Aufgabe macht, sich in den kommenden Jahren eingehend mit den Themen koloniale Verflechtungen und Rassismus zu beschäftigen. "Das Bernische Historische Museum als Speicher von zahlreichen ethnografischen Objekten und Geschichte(n) kann eine geeignete Plattform bieten für Vermittlung und konstruktiven Austausch zu dieser aktuellen gesellschaftlichen Thematik", so Direktor Thomas Pauli-Gabi.

bhm

Schlussbericht und Hintergründe zu ausgewählten Objektgeschichten:

www.bhm.ch/de/provenienz/spuren-kolonialer-provenienz 

Kontakt:

https://www.bhm.ch/de/informationen/kontakt

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