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MOMENT (14): "Mathias Döpfner und das Geschwätz von der 'Gratiskultur' im Internet"

MOMENT (14): "Mathias Döpfner und das Geschwätz von der 'Gratiskultur' im Internet"

18.09.2010 Von Andreas Von Gunten


Mathias Döpfner und das Geschwätz von der "Gratiskultur" im Internet

Von Andreas Von Gunten

Für Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlags, und viele seiner Verlegerkollegen ist die sogenannte "Gratiskultur" im Internet der Grund, warum wir dringend ein Leistungsschutzrecht brauchen. Doch bei hellerem Lichte betrachtet ist das doch eher nur Geschwätz von Leuten, die entweder noch nicht in der vernetzten Welt angkommen sind oder um jeden Preis ein Geschäftsmodell retten wollen, welches in der bisherigen Form keine Daseinsberechtigung mehr hat.

Mit dem Ettiket "Gratiskultur" wird behauptet, dass die Internet-Nutzer partout der Meinung sind, die Welt sei kostenlos und dass sie einfach alles haben können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Es sei eine idealisierte, romantische, ja kommunistische Vorstellung, die im Internet vorherrsche und die es nun endgültig auszumerzen gelte. Diese unwissenden und verständnislosen Menschen sind, wenn nötig mit legislativer Gewalt, auf den Boden der kommerziellen Realtiät zurück zu holen. Da und dort wird auch von Umerziehung gesprochen, die notwendig sei, um die richtigte alte Ordnung wiederherzustellen.

Dieses Bild der "Gratiskultur" entbehrt allerdings jeder empirischen Grundlage. Haltlose Vorwürfe, die durch unzählige Wiederholung auch nicht wahrer werden.

Die Menschen waren schon immer bereit, für Nutzen bzw. Mehrwert zu bezahlen, und sie sind es auch im digitalen Zeitalter noch.

Wie ist zum Beispiel der Erfolg von Amazon, Ebay und hundertausender anderer E-Commerce-Websites zu erklären, wenn die Internetnutzer einer "Gratiskultur" zuzuordnen wären?

Wie ist es möglich, dass es tausende von kostenpflichtigen Cloud-Computing-Produkten mit zum Teil Millionen von Benutzern gibt und deren Wachstumsraten fast jede andere Branche sprachlos machen, wenn im Internet eine "Gratiskultur" vorherrschte?

Wie konnte Apple 10 Milliarden Songs online verkaufen, wenn die Leute nicht bereit gewesen wären, im Internet zu bezahlen?

Von einer "Gratiskultur" zu sprechen, weil ein paar Teenager Filme, Spiele und Musik downloaden, die sie sowieso nicht hätten bezahlen können und deswegen auch nie gekauft hätten, ist absurd.

Weil die Menschen nicht bereit sind, sich durch komplexe Aktivierungs- und Registrationsprozesse durchzuarbeiten, nur um ein paar Agenturmeldungen zu lesen, die sie sowieso den ganzen Tag an hundert verschiedenen Stellen beiläufig wahrnehmen, von "Gratiskultur" zu sprechen, ist eine Anmassung einer Branche, die den Leser bis vor kurzem als Kunden gar nicht gekannt hat.

Dass die Kunden nicht bereit sind, sich bei jedem Computerwechsel bei ihren gekauften Songs, Filmen oder E-Books zu überlegen, bei welchem Anbieter sie die einzelnen Titel gekauft haben, um die Aktivierung auf dem neuem Gerät sicherzustellen, ist doch irgendwie nachvollziehbar. Hier von "Gratiskultur" zu sprechen, ist ein Verkennen der Realität.

Die Internet-Nutzer verstehen zum grössten Teil sehr gut, wie Wirtschaft funktioniert. Sie brauchen keine Nachhilfestunden in Ökonomie. Sie wissen, dass es nichts kostenlos gibt auf dieser Welt, dass immer jemand bezahlt.

Zeitungen und Zeitschriften sind selten von den Lesern bezahlt worden, sondern zum grössten Teil von den Werbetreibenden. Mit den Verkaufs- und Abopreisen wurden wohl gerade mal knapp die Distributions- und Lesergewinnungskosten gedeckt.

Für den Leser kostenlose Inhalte gab es auch schon vor dem Internet zum Teil in Millionenauflagen, denken wir nur an das Migros-Magazin und die Coop-Zeitung in der Schweiz.

Ich behaupte ja nicht, dass es ein Sonntagsspaziergang wäre, in der vernetzten digitalen Welt die arbeitsintensive Produktion von hochwertigen Inhalten zu monetarisieren. Doch einfach zu erklären, das Problem liege daran, dass die Leute nicht bezahlen wollen und dass die Nutzer der neuen Medien alles Piraten und Diebe seien, die den Verlagen die Butter vom Brot stehlen, ist eine kühne Frechheit.

Mir kommt es vor, als hätten gewisse Medienhäuser (nicht alle) bereits kapituliert vor der Herausforderung, sich anzupassen, mit dem Wandel zu gehen und diesen für sich zu nutzen. Die letzte Möglichkeit besteht für diese Unternehmen offenbar nur noch darin, durch politischen Druck zu versuchen, das Rad zurück zu drehen und das offene Netz wieder zum Verschwinden zu bringen.

Nach dem Staat zu rufen, um sich durch Regulation die neuen Mitbewerber vom Halse zu halten, ist alles andere als liberal. Unternehmen, die es nicht schaffen, in einem freien Marktumfeld einen Nutzen zu schaffen und diesen in Geld zu verwandeln, haben keine Daseinsberechtigung; das lernen Manager eigentlich im ersten Semester des BWL-Grundstudiums. 

Mathias Döpfner spricht im Zusammenhang mit dem "Leistungsschutzrecht" auch gerne und oft von Qualität und von der Notwendigkeit des Erhaltes seines Medienhauses für eine funktionierende Demokratie. Nun, ich denke, die Demokratie in Deutschland könnte wohl eher auf eine Bild-Zeitung verzichten als auf ein offenes Internet. Doch das ist ein anderes Thema, auf welches ich zu einem späteren Zeitpunkt zurück komme.

Andreas Von Gunten

Andreas Von Gunten (1968) wohnt und arbeitet in Zürich und im Zug, ist leidenschaftlich verzettelter Blogger, Unternehmer und Sammler von Menschenzeugs aller Art.

Kontakt: http://www.andreasvongunten.com/blog/

 

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